Fußball ist auch Kopfsache!

Das I.SCR-Interview mit Wolfgang Seidl – Extremsportler und offizieller IRONMAN Austria Mentalcoach


I.SCR: Hallo Wolfgang, vielen Dank dass Du Dir Zeit genommen hast, um uns einen Einblick in ein besonders wesentliches Thema im Leistungssport zu geben: den Mentalbereich! Du kommst selbst aus dem Leistungssport, warst erfolgreicher Triathlet, hast mehrfach den Ironman bestritten und warst viertbester Österreicher bei der Ironman WM auf Hawaii – alles Sportarten wo du ans Limit, bzw. über das Limit gehen musstest. Wie hast du dich persönlich auf solche sportlichen Wettbewerbe vorbereitet?

Wolfgang: Obwohl ich immer nur als Agegroup Athlet am Start war und mit Sport kein Geld verdiente, war meine Trainingssteuerung sehr professionell. Für mich spielte, neben dem körperlichen Training, auch die Ernährung und das mentale Training eine wesentliche Rolle.

I.SCR:
Wann wurde dir klar dass man nicht bloß den Körper sondern eben auch den Geist trainieren muss um erfolgreich zu sein?

Wolfgang: Das war mir schon am Beginn meiner sportlichen Karriere bewusst, nachdem ich zuvor viele Bücher über Mentaltraining gelesen hatte und auch meine negativen Erfahrungen machen durfte. Später im Leistungssport konnte ich das erlernte aktiv umsetzen. Im Nachhinein kann ich sagen, ohne mentales Training hätte ich das nie erreicht.

I.SCR: Was bedeutet für dich persönlich der Begriff: Mentale Stärke – viele können damit wenig anfangen, wie würdest du das in wenigen Worten beschreiben?

Wolfgang: Mentale Stärke heißt für mich, Leistung am Punkt abrufen zu können. Jeder kann lernen, das bewusst zu beeinflussen. Gerade im Fußball, wo viele Einflussfaktoren vorhanden sind, ist die mentale Stärke der Schlüssel zum Erfolg! Davon bin ich 100% überzeugt!

„Gerade im Fußball, wo viele Einflussfaktoren vorhanden sind, ist die mentale Stärke der Schlüssel zum Erfolg!

I.SCR: Nun hast du dein Wissen vom aktiven Sport weiterentwickelt um andere Sportler zu unterstützen. Du bist akademischer Mentalcoach, du betreust erfolgreiche Sportler im Ausdauerbereich (z.B. den Ironman Austria Sieger Michi Weiss), sowie auch Vereine und einzelne Spieler im Fußball. Genau beim Fußball möchten wir anknüpfen und gerne wissen warum hier auch mental trainiert werden sollte?

Wolfgang: Im Fußball hat sich in den letzten Jahren enorm viel verändert. Das Spiel wurde schneller und kraftbetonter. Einflüsse von außen nehmen zu, z.B. durch Social Media – jeder Fehler wird kommentiert und Spieler müssen diesem Druck standhalten. Durch technische Hilfsmittel, kann die Leistung jedes Spielers ständig und überall überwacht werden, er wird zum gläsernen Athleten. Vereine und Spieler, die auf diese Veränderung nicht reagieren, werden auf der Strecke bleiben.

I.SCR: Siehst du hier speziell in Österreich noch Aufholbedarf? Wie sieht das im Vergleich bei internationalen Spitzenvereinen aus, ist man da weit weg davon?

Wolfgang: Ich habe kürzlich für einen Beitrag bei allen österreichischen Bundesliga Vereinen recherchiert und musste feststellen, dass die mentale Arbeit auf Vereins Ebene momentan noch nicht vorhanden oder extrem mager abläuft, mit Ausnahme von Red Bull Salzburg. Erwähnen möchte ich auch die professionelle mentale Arbeit des ÖFB Damen Teams unter Dominik Thalhammer, die seit Jahren bereits mit einer Sportpsychologin intensiv und erfolgreich zusammen arbeiten. Aus Kontakten im Ausland weiß ich, dass die mentale Arbeit aber auch im internationalen Fußball, im Vergleich zu anderen Sportarten vielfach noch in den Kinderschuhen steckt.

I.SCR: Konkret z.B. in der Premier League, Jürgen Klopp: was ist von ihm bekannt, wendet er spezielle Motivation an? Hat er in seinem Trainerstab einen Mentalcoach der ihn unterstützt?

Wolfgang: Ob Liverpool unter Jürgen Klopp momentan mit einem Mentalcoach zusammen arbeitet kann ich leider nicht sagen. Klopp ist in seiner Art ein guter Motivator. Aber ihm ist sicher bewusst, dass er nicht das Wissen und die Zeit hat, sich um jeden seiner Spieler psychologisch zu kümmern. Daher glaube ich, dass er in irgendwelcher Form seinen Spielern externe psychologische Unterstützung anbietet.

I.SCR: In welchen Ausmaß greifen solche Toptrainer auf Studien, etc. aus dem Bereich der Sportpsychologie zurück? Gibt es da eine gewisse Linie oder ist da jeder komplett individuell?


Wolfgang:
Bei vielen Vereinen läuft es so ab, dass meist der Trainer vorgibt ob er mit einem Mentalcoach/Sportpsychologen arbeiten will oder nicht. Konkrete Infos dazu gibt es wenig, weil das Thema von Vereinen sehr vertraulich behandelt wird. Ich mache leider sehr oft die Erfahrung, dass speziell ältere Trainer glauben, das „Mentale“ können sie so nebenbei mitmachen und da brauchen sie nicht einen Spezialisten. Junge Trainer sind da viel offener für dieses Thema. Ich bin mit einem Sportpsychologen in England in Kontakt, der viele Spieler aus der Premiere League in der Einzelberatung betreut, weil Vereine keinen Mentalcoach im Team haben.

I.SCR: Wir sind mittlerweile eine sehr breite Rapid Community, du hast dich in unserem ersten Gespräch ebenfalls als Rapidler „geoutet“, als Steirer nicht ganz selbstverständlich. Wie kam es dazu?

Wolfgang: Ich muss zugeben, als Kind war ich noch GAK Fan und kann mich gut an den 10:0 Sieg von Rapid gegen den GAK im Jahr 1985 erinnern. Später dann wurde ich infiziert von der Rapid Leidenschaft, die bis heute anhält. Außerdem liegt meine Wiener Praxis im 14ten gleich in der Nähe des Rapid Stadions.

I.SCR: Wir verzeihen dir nun mal den GAK (lacht), wenn man nun aber gezielt unseren Herzensverein hernimmt, wo hakt es hier deiner Meinung nach. Was könnten einzelne Spieler machen, bzw. der Verein umsetzen um stärker aufzutreten.

Wolfgang: Bei meiner letzten Recherche wurde mir von Rapid bestätigt, dass sie einen Sportpsychologen angestellt haben. Dieser muss sich allerdings um sämtliche Spieler, angefangen von der Akademie über die 2te Mannschaft bis zur Bundesliga Mannschaft kümmern. Zusammengerechnet muss er, von der U16 bis zur Kampfmannschaft knapp 100 Spieler betreuen. Wie intensiv da wirklich mit jedem einzelnen Spieler gearbeitet wird, kann sich jeder selbst ausmahlen. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, die Kampfmannschaft bräuchte einen eigenen Ansprechpartner, der sich nicht nur um die mentale Entwicklung der Spieler und Trainer kümmert, sondern auch um das Umfeld der Spieler und der Mannschaft (Kader: ca.30 Spieler).

I.SCR: Es hat sich nun in wenigen Wochen wiederholt was wir schon letztes Jahr mehrmals erlebt haben – Verunsicherung in der Mannschaft, teils lustloses auftreten einzelner Spieler, keine Mittel um zu gewinnen. Ein Taktikproblem, Einstellungsproblem oder beides.

Wolfgang: Die Arbeit von Goran Djuricin kann ich als Außenstehender schwer beurteilen. Ich weiß auch nicht, wie intensiv er die Zusammenarbeit mit dem Sportpsychologen zulässt bzw. fordert. Aus meiner Sicht haben die Spieler Defizite, was deren mentale Fähigkeiten betrifft. Hier sehe nicht nur den Verein in der Pflicht sich darum zu kümmern. Jeder einzelne Spieler sollte den Anspruch haben, sich ständig zu verbessern und mentale Unterstützung von extern annehmen, wenn er diese intern nicht bekommt.

„Jeder einzelne Spieler sollte den Anspruch haben, sich ständig zu verbessern und mentale Unterstützung von extern annehmen.“

I.SCR: Man spricht im Fußball oft von „11 Freunden muss man sein“ – was genau ist damit deiner Meinung nach gemeint? Muss eine Siegermannschaft zu 100% befreundet sein? Oder ist es die Pflicht eines Spielers persönliche Differenzen hinten an zu stellen, sei es mit Mitspielern oder mit dem Trainer, und alles für das Spiel zu geben. Und geht das überhaupt?

Wolfgang: Das Gebilde eines Teams ist sehr komplex. Ein Kader besteht aus teilweise 30 unterschiedlichen Charakteren, immer wieder kommen neue Spieler hinzu und jeder möchte sich beweisen. Rein aus dieser Sichtweise kann man erkennen, dass hier viel Platz für Rivalität und Konflikte ist. Aus meiner Sicht, müssen die Spieler einer erfolgreichen Mannschaft, privat nicht die besten Freunde sein um im Spiel Leistung zu bringen. Entscheidend ist, Konflikte im Team unter professioneller mentaler/ psychologischer Hilfe präventiv zu vermeiden. Das gelingt wenn mit Spielern in individueller Arbeit an ihrer emotionalen Intelligenz- also die Fähigkeit die eigenen Gefühle und die anderer wahrzunehmen- gearbeitet wird.

I.SCR: Nun braucht jedes Team auch einen Anführer, einen Kapitän. Gerade im Spitzensport kommen dann aber oft viele „Alphamännchen“ zusammen – wie viele Alphatypen verträgt eine Mannschaft? Und einen Schritt weiter: wie viele braucht eine Mannschaft?

Wolfgang: Wie wir auch hier sehen, spielt die Psyche jedes Einzelnen eine wesentliche Rolle. Erfolgreiche Trainer schaffen es, auch aus einer Gruppe mit Alphamännchen eine kollektiv starke Mannschaft zu formen. In einer solchen Mannschaft muss jeder Spieler seine genaue Aufgabe und Rolle kennen, sich seiner Verantwortung bewusst sein, sich für die Mannschaft aufopfern und seine Mitspieler auch in schwierigen Momenten motivieren und aufbauen. Wenn das passiert, dann werden auch Alphamännchen zu Führungsspieler. Und je mehr Führungsspieler eine Mannschaft hat, umso besser.

I.SCR: Konkret zu Rapid: wenn du dir ein Spiel durch deine „Coachingbrille“ ansiehst, was fällt dir da derzeit, oder schon über einen längeren Zeitraum auf? Wie siehst du die mentale Stabilität des Teams?

Wolfgang: Wie schon vorher erwähnt, erkenne ich durch meine Coachingbrille mentale Defizite bei den Spielern. Natürlich kann ich als Außenstehender nicht in die Köpfe der Spieler blicken, aber wenn ich mir die Körperhaltung und ihr Verhalten im Spiel ansehe, dann kann ich Rückschlüsse auf ihr Denken und ihre inneren Gespräche herstellen. Ein konkretes Beispiel: Wenn ein Spieler einen groben Fehler macht und keine mentale Strategie hat wie der diesen Fehler binnen kurzer Zeit abhakt und seine Aufmerksamkeit auf das Spiel lenkt, dann ist er die Zeit danach nicht zu 100% fokussiert und der nächste Fehler wird unweigerlich passieren. Das wiederum hat Einfluss auf sein Selbstvertrauen. Die Konsequenz ist, er wird passiv, bietet sich nicht mehr an und versucht eigentlich nur mehr „ja keinen Ball zu bekommen“. Das ist oft der Grund, warum es am Beginn gut läuft, aber nach Fehlern von einigen Spielern der ganze Schwung im restlichen Match weg ist. Oder eine anderes Beispiel.
Erfolgreiche Spieler haben sich Routinen erarbeitet, um vor dem Match „bewusst“ in ihre persönliche Zone der idealen Leistungsfähigkeit einzusteigen. Wenn das 11 Spieler am Platz beherrschen, dann entsteht auch in der Mannschaft eine Synergie, die so nicht vorhanden ist. Ich sehe hier viel Potential, das leider ungenutzt bleibt! Ich leide immer sehr mit, wenn ich sehe was alles möglich wäre aber nur Bruchteile ausgeschöpft werden!

I.SCR: Wie sehr kann der Trainer darauf Einfluss nehmen? Oder ist dieser mit der täglichen Arbeit, den Trainings ohnehin schon voll ausgelastet? Was unterscheidet hier wieder Toptrainer wie Klopp, Guardiola, Mourinho,.., von anderen Trainern im persönlichen Umgang mit den Spielern?

Wolfgang: Der Trainer kann natürlich aktiv Einfluss nehmen, indem er erstens offen für neues ist, seinen Spielern und der Mannschaft erklärt, wie wichtig die mentale Komponente ist und er das zusammen mit dem Mentalcoach/Sportpsychologen auch umsetzt. Erfolgreiche Trainer haben erkannt, dass sie diese komplexen Dinge allerdings nicht alleine bewältigen können und auch nicht die Zeit dafür haben. Sie holen sich professionelle Unterstützung.

I.SCR: Die Enttäuschung bei Rapid ist spätestens seit dem Match gegen den WAC wieder sehr groß geworden, der Frust von 10 titellosen Jahren macht sich bei den Fans in der Toleranzgrenze schon sehr stark bemerkbar. Was wären nun Maßnahmen die man sehr schnell umsetzen kann? Was wäre hier deine Empfehlung für den Verein?

Wolfgang: Eine der ersten Maßnahmen für mich wäre, dass die Kampfmannschaft einen eigenen Mentalcoach/Sportpsychologen bekommt, der zusammen mit dem Trainer die Situation analysiert und die Erkenntnisse in die Tat umsetzt. Die vorhandenen Spieler haben die Qualität um gute Leistungen zu bringen, allerdings fehlt es einigen an Selbstvertrauen und den nötigen mentalen Fähigkeiten um aus dieser schwierigen Situation selbst heraus zu kommen. Langfristig muss sich Rapid fragen, welche Wertigkeit bekommt die mentale Arbeit! Wir müssen uns im Klaren sein, dass mentale Arbeit langfristig angesetzt werden muss. Für mich gehört die mentale Arbeit schon bei der Jugend forciert. Je früher Spieler lernen mit Drucksituationen umzugehen, desto leichter tun sie sich später. Davon profitiert die Mannschaft ebenso wie auch der Verein. Es gibt viele kritische Karrierepunkte in der Entwicklung von jungen Spielern. An jedem dieser Punkte ist Erfolg nur möglich, wenn Spieler die mentalen Fähigkeiten haben, diese Herausforderungen zu bewältigen. Derzeit läuft es in Vereinen immer noch so ab, wenn es einige Matches nicht läuft, dann holt man einen der die Spieler wieder aufbaut. Hier müssen Vereine langfristig und strategisch denken und die mentale Arbeit präventiv einsetzen.

„Je früher Spieler lernen mit Drucksituationen umzugehen, desto leichter tun sie sich später.“

I.SCR: Und weils uns allen besser geht, wenn man ruhig bleibt: Was wäre die Empfehlung für uns Fans in der aktuellen Situation?

Wolfgang: Die Mannschaft auch in schwierigen Situationen und in Matches positiv unterstützen. Die Art und Weise von Fan-Äußerungen im Stadion und in den sozialen Medien sowie die öffentliche Berichterstattung kann Spieler psychisch ziemlich belasten. Wie wir gesehen haben, haben einige Rapid Spieler leider noch keine effizienten „mentalen Werkzeuge“ zur Verfügung um mit diesem Druck richtig umzugehen. Daher liebe Fans, bitte etwas mehr Geduld und Verständnis.

I.SCR: Ein guter Ratschlag den auch wir beherzigen werden! Abschließend: Dein Tipp für die UEL? Kommen wir weiter oder wars das?

Wolfgang: Ich bin überzeugt, die Spieler haben die Qualität und das Können, den Rückstand aus Bratislava aufzuholen. Das hat jeder in seiner Karriere ja schon bewiesen, sonst würde er nicht im Dress des SK Rapid auflaufen. Ich bin überzeugt, dass ihnen die Wichtigkeit bewusst ist. Ich hoffe die Vereinsführung und der Trainer üben in der derzeitigen Situation nicht allzu viel Druck auf die Spieler aus. Das könnte nämlich dazu führen, dass sie verkrampfen, ihre Leichtigkeit verlieren und daran zerbrechen.
Ich wünsche ihnen jedenfalls alles Gute und werde am Donnerstag live im Stadion sein!

I.SCR: Wir bedanken uns fürs Gespräch und würden uns sehr wünschen wenn wir Rapid in naher Zukunft in voller mentaler Stärke am Feld sehen können, damit lassen sich auch unsere Grundtugenden besser ausleben, davon sind wir überzeugt!

Hier gibts noch mehr zur Person: Wolfgang Seidl

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